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Book Review: Der Pranayama-Effekt in der Trauma-Arbeit

By December 31, 2020 January 3rd, 2021 No Comments
Pranayama und Trauma

Dietmar Mitzinger ist Verhaltenstherapeut, Yogalehrer und Forscher. Er erforscht wie Pranayama Menschen mit PTBS bei der Integration von Trauma helfen kann. Hier stelle ich dir das Buch vor und fasse die Kernaussagen des Buches für dich zusammen. 

Vorab: Was ist Trauma? 

Trauma bedeutet:

  • dass Körper und Geist mit etwas, dass in der Vergangenheit zu viel, zu schnell, zu heftig und/oder zu häufig war beschäftigt ist.
  • das Erlebte konnte nicht integriert werden und hat einen Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit des Betroffenen oder der Betroffenen.
  • die Vergangenheit macht dem Betroffenen oder der Betroffenen auch in der Gegenwart zu schaffen. 

Lese-Tipp: Schock und Entwicklungstrauma erklärt

Wie kann Pranayama helfen?

Dietmars Buch basiert auf der These, dass Pranayama genauso tief in den Organismus eindringt wie Trauma. 

Dabei wirke Pranayama auf alle Bereiche, auf die Trauma sich auch auswirke: auf die Lunge, das Gehirn und den Bewegungsapparat. So könne man über Pranayama mit den Symptomen des Trauma arbeiten und den Klienten stabilisieren.

Beispiel: Wirkung von Pranayama auf den Präfrontalkortex (PFK)

Bei einer Traumatisierung wird der PFK gehemmt. Evolutionsbiologisch ältere Hirnfunktionen übernehmen dann die Exekution und die höheren Hirnfunktionen fallen aus.

Pranayama bedeutet in Dietmars Buch besonders, den Atem anhalten. Die Erklärung: Beim Pranayama werde der PFK aktiviert, weil der Klient „eine feste Intention gegen den entstehenden Atemreflex aufrechterhalten [muss].” Das Halten des Atems sei ein Training für den PFK, ähnlich wie ein Gewicht für den Muskel. Wenn die älteren Hirnfunktionen übernehmen, dann herrsche Sauerstoffmangel im Blut. Das sei auch bei Pranayama der Fall, allerdings ausgelöst durch den PFK. 

Exkurs – die Entscheidungswege unseres Gehirns

Es gibt zwei Entscheidungswege in unserem Gehirn. Der „hohe Weg“ wertet unser Erleben über den PFK aus. Dieser steuert komplexe Dinge wie Aufmerksamkeit, Logik und Vorausplanung. Der „niedere Weg“ ist ein älterer, welcher auf das Überleben ausgerichtet ist und bei Gefahr eingeschlagen wird. Der „hohe Weg” dauert einige Mikrosekunden mehr. Ist die Gefahr zu groß wählt unser Gehirn den schnelleren, also „niederen Weg”. In diesem Fall reagiert unser Gehirn über die Amygdala, welche den Hypothalamus veranlasst Stresshormone auszuschütten und über den Hirnstamm das Nervensystem aktiviert. Wählt unser Gehirn den „niederen Weg“ funktionieren unsere komplexen Hirnfunktionen nur noch eingeschränkt oder fallen komplett aus. 

Pranayama steigert die empfundene Selbstwirksamkeit 

Den Atem anhalten bedeute Selbstwirksamkeit. Anders als bei Trauma wird der Atemreflex im Pranayama nämlich aus der eigenen Willenskraft heraus unterdrückt. Trauma, so Dietmar, senkt die Atemauslöseschwelle und verringert die Affekttoleranz. Seine These: Wenn der Klient die Atemauslöseschwelle durch Atemanhalten steigert, dann steigt auch die Affekttoleranz. 

Pranayama wird so zum Werkzeug für gefühlte Selbstwirksamkeit:„Die unbewusste Reaktion „Atemanhalten” wird zur bewusst gewollten Reaktion und Pranayama wird zur Konfrontationsmethode mit der inneren Situation.” 

Exkurs: Was ist Affekttoleranz?

Einfach ausgedrückt bedeutet Affekttoleranz die eigenen Gefühle aushalten zu können und ist die Bedingung der Möglichkeit, Raum zwischen Reiz und Reaktion zu schaffen. Im Falle eines Traumas ist es für den Betroffenen oder die Betroffene schwer, die Kontrolle über die eigenen Gefühle und Impulse zu behalten und sich im eigenen Körper gut gehalten zu fühlen.

Pranayama als Grundlage für die Trauma-Arbeit

Pranayama, so Dietmar, steigert die Affekttoleranz und diese ist Grundlage dafür, dass die Exposition mit traumatischen Inhalten für den Klienten sicher ist und nicht in Übererregung oder Dissoziation endet. 

So ermögliche Pranayama mehr Menschen die Exposition mit traumatischen Inhalten. Warum? Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) definiert eine geringe Affekttoleranz als Kontraindikation für die Traumatherapie. Genau diese, so Dietmar, fehlt Menschen mit einer PTBS. Es entstehe ein “eigenartiger Zirkelschluss”. Einerseits müssten Betroffene Affekttoleranz aufbauen, andererseits halte der Mangel an Affekttoleranz sie von der gebrauchten Therapieform ab.

Pranayama ersetze die Traumatherapie nicht, schaffe aber eine solide Grundlage für diese, weil Pranayama die Stabilität des Klienten steigere. Es eigne sich auch gut als Ankertechnik und könne auch dann noch eingesetzt werden, “wenn sich aufgrund fortschreitender Dissoziation nur noch motorische Anweisungen wirksam umsetzen lassen.”

Pranayama bei PTBS braucht eine therapeutische Begleitung

Dietmar betont, dass es eine therapeutische Begleitung braucht, um an Pranayama herangeführt zu werden. Es brauche ein Gefühl von Sicherheit und eine mitfühlende und individuelle Anleitung. 

So beschreibt Dietmar zum Beispiel, dass Kapalabhati sehr gut eingesetzt werden könne. Wenn diese Form der Atmung den Klienten an Hyperventilation erinnere, müsse jedoch ein individueller Weg gefunden werden, um Kapalabhati so durchzuführen, dass es den Sympathikus herunter fahre. Dafür muss jemand den Raum halten können.

Wir wirkt Kapalabhati?

Dietmar erklärt die Wirkung von Kapalabhati wie folgt:

”Beim Ausatmen während Kapalabhati wird ein nach innen gerichteter Druck im Oberbauch erzeugt, der sich auf die untere Hohlvene auswirkt. Dort entsteht ebenfalls mehr Druck. Dadurch drückt sich venöses Blut aus der unteren Hohlvene nach oben Richtung Herz. Das Herz registriert diese blutführende Druckwelle und öffnet sich sinnvollerweise genau dann, wenn es von ihr erreicht wird. Durch die Öffnung gelangt mehr Blut ins Herz und es schwingt deshalb nach einiger Zeit mit dem Atemrhythmus.” 

Fazit

Das Buch ist für jeden geeignet, der tief in die Thematik eintauchen will. Es ist kein Buch für zwischendurch und auch kein Selbsthilfebuch, obgleich ich es auch Betroffenen empfehlen würde, die in ihrem Prozess schon etwas weiter sind.  

Mit seinem Buch leistet Dietmar einen wichtigen Beitrag für die Forschung. Der Pranayama-Effekt entstand durch Dietmars langjährige Erfahrung als Yogalehrer und Therapeut, den Austausch mit Kollegen und besonders durch die Zusammenarbeit mit seinen Klienten. Momentan wird der Pranayama-Effekt an der Universität Duisburg-Essen, Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, erforscht.

Über Dietmar

Dietmar Mitzinger, Yogalehrer, Psychologischer Psychotherapeut. 2000-2008 Ausbildungsleiter für Yogalehrer beim BDY. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Naturheilkunde in der Uni Duisburg Essen und Leiter einer psychologischen Praxis in Neuss.

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