Philosophie & Wissenschaft

Der Ursprung der modernen Asana Praxis (Teil 1)

By July 26, 2020 September 13th, 2020 No Comments
Geschichte des Yoga

Über diesen Artikel

 Es reicht nicht über Yoga zu wissen oder einfach zu glauben, dass es etwas “uraltes” und “traditionelles” aus Indien ist. Wir sollten versuchen zu verstehen. Uns muss klar sein, dass die “Geschichte des Yoga” ein Narrativ ist, dessen Entstehung verschiedenen Einflüssen unterlag. Zum Beispiel sprechen wir wenig über die Renaissance von  Hatha Yoga im Zusammenhang mit den Folgen der britischen Kolonialherrschaft. Bescheid wissen, und das gilt für alles, macht etwas weder besser noch schlechter. Informationen werden zu Möglichkeiten – beeinflussen unser Fühlen, Denken, Handeln und ermöglichen eine Haltung – auf Grundlage von aufrichtigem Interesse. Nochmal: Yoga wird als etwas “uraltes”, “traditionelles” beschrieben. Doch was an dem, dass wir üben ist tatsächlich “traditionell”? Dieser Artikel betrachtet den Ursprung der körperlichen Yoga Praxis. Das, was wir (in schönen Stunden eingerahmt in Meditation und Atemarbeit) in den meisten Yoga Stunden üben. 

Ich berufe mich in diesem Artikel besonders in Teil 1 auf Mark Singleton und sein Buch “Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis”. Er war lange Assistent von Elizabeth De Michelis und ist zur Zeit Research Fellow am SOAS (School of Oriental and African Studies) in London.

Der Stellenwert von Asana vor der Renaissance des Hatha Yoga

Nach Mark Singleton gibt es nur wenige Hinweise darauf, dass Asana bis vor dem 20. Jhd. in Indien überhaupt ein wichtige Rolle gespielt hat. [1] Im Gegenteil: Asana wurde mit langhaarigen, spirituellen verbunden. Menschen, die spirituell waren und deswegen ein Leben als Vagabunden führten. Vagabunden, die ihren Körper für Geld verbogen. Besonders der Stereotyp des englischen Gentleman ließ die Indische Bevölkerung degeneriert erscheinen. Der “Degeneration Narrative” wurde von Großbritannien gefördert, die Indische Bevölkerung entfernte es von der eigenen Kultur. Es galt, die Indische Bevölkerung zu stärken. Besonders für die Indische Elite sollte Yoga (nachdem es einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen hatte) deswegen noch interessant werden.

Die Auffassung, dass die körperliche Praxis, so wie wir sie heute kennen, aus dem Hatha Yoga  abgeleitet ist, betrachtet Singleton ebenfalls kritisch. Er beschreibt:

“Although it routinely appeals to the tradition of Indian hatha yoga, contemporary posture-based yog cannot really be considered a direct successor of this tradition.” [2]

Die Physical Culture Bewegung

Das moderne Yoga, bestehend aus den verschiedenen Übungen, entstand, so Singleton, in der ersten Hälfte des 20. Jhd. – als Hybrid aus den verschiedenen Physical-Culture-Bewegungen in zum Beispiel England, Schweden, Deutschland und Amerika. [3] Auch durch den Einfluss Großbritanniens auf Indien erreichte das Land verschiedene Einflüsse aus Gymnastik, Bodybuilding und anderen Sportarten.

Durch  Einfluss dieser sportlichen Systeme kam es zu einem Vermehrten Bewusstsein der eigenen “indigenen Übungen” und es entstand ein Hybrid aus diesen Systemen – die Yogapraxis der Moderne. [4]

Die Physical Culture, beginnend im späten 19. Jahrhundert, gründete auf einem anti-intellektualismus und einem empfundenen Mangel an sinnstiftender Spiritualität. Das, in Verbindung mit der Idee, den individuellen und den kollektiven “Rasse-Körper” zu optimieren mündete in vielen, sehr kraftvollen, Bewegungen überall auf der Welt – auch in Indien. 

Einflüsse aus Schweden

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es nicht mehr die Britische,  sondern die Schwedische (nach Ling) und die Dänische Gymnastik, welche das Training in den Schulen und der Britischen Army und Navy prägen. Das Schwedische System kommt ohne teure Geräte aus. Es ist günstiger und leichter zu integrieren. 

Durch die Britische Kolonialherrschaft kommt das Schwedische System auch in Indien an und wird, im Sinne der Physical Culture Bewegung, aufgegriffen.

Unterrichtet wird es auch  an Schulen – oft von pensionierten Indischen Soldaten. Ihr Unterrichtsstil war durch ihre Erfahrungen aus dem Militärstreng, da sie keinen pädagogischen Hintergrund hatten. Genau dieser Stil wird heute oft als “typisch” Indisch angesehen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Strenge des Unterrichts nicht unbedingt spirituell begründet war. [5]

Einflüsse aus Amerika

Harry Buck gründete 1920 das erste YMCA College in Indien. Buck wird auch “The Father of Physical Education in India” genannt und er war es auch, der Yoga in den Lehrplan des YMCA aufgenommen hat. YMCA steht für  Young Men’s Christian Association und beruft sich auf die Werte der Muscular-Christianity-Bewegung. [6] Um Yoga mit den Werten der YMCA in Einklang zu bringen schärfte Buck das Image von Yoga als “system for the holistic development of the mind, body and spirit” [7] Die Verbindung von Körper, Geist und Seele war, neben der Optimierung des Körpers oder schlichtweg der “Rasse”, erklärtes Ziel von Physical Culture. B.G. Tilak, indischer Nationalist, hatte zum Beispiel Kontakt und  Einfluss auf den Rajah of Aundt, den Begründer des Surya Namaskar Systems. 

Quellen

[1] Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 3
[2] Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 5
[3]  Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 81
[4] Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 82
[5] Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 86
[6] https://www.britannica.com/topic/physical-culture Stand: 6. Juli 2020
[7]Yoga Body The Origins Of Modern Posture Praxis, Singleton, Mark, 2010, Oxford University Press, S. 92

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