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Was zeichnet traumasensible YogalehrerInnen und Body WorkerInnen aus?

By March 23, 2022 No Comments
traumasensibles Yoga

Bevor wir in die Frage einsteigen;„Was zeichnet traumasensible YogalehrerInnen und Body WorkerInnen aus?“ schauen wir uns noch einmal an: was ist ein Trauma? Trauma ist für viele von uns ein großes, dunkles Wort. Die gängigen Assoziationen: Krieg, Gewalt, Naturkatastrophen, gesellschaftliche Krisen, Unfälle. All diese Dinge haben das Potential traumatisch zu sein. 

Aus der körpertherapeutischen Brille betrachtet ist Trauma etwas

  • das wir nicht integrieren konnten. 
  • das unser Nervensystem aus dem Gleichgewicht bringt (also dysreguliert) 
  • subjektives

Trauma ist subjektiv. Trauma ist dysregulation.

Besonders den letzten Punkt möchte ich noch einmal erläutern: Es gibt nicht DAS traumatische Ereignis. Es gibt Ereignisse, bei denen eine Traumatisierung sehr wahrscheinlich ist. Die großen, „gesellschaftlich anerkannten” Trauma, gehören dazu.

Doch auch vermeintlich „kleine” nicht lebensbedrohliche Ereignisse, die Scham in uns auslösen oder uns das Gefühl geben, nicht gesehen zu werden, können unser Nervensystem aus der Balance bringen. Meist trauen Betroffene sich nicht, dieses große Wort des Trauma für sich zu verwenden. Auf der anderen Seite wird die Redewendung „Das hat mich mega traumatisiert.“ inflationär verwendet. Hier dürfen wir noch reflektierter aber vor allem auch weicher mit uns werden. Wir sind feinfühlige Wesen. Das macht uns verletzlich. In unserer Feinfühligkeit liegt aber auch viel Kapazität und Potential.

Am Ende bedeutet Trauma dysregulation unseres Nervensystems. Und die kann auf so viele verschiedene Arten passieren.

Exkurs: Wieso der Verlust von Bindung auf Nervensystem-Ebene lebensbedrohlich ist

Die Bindung zu unseren primären Bezugspersonen und die Akzeptanz und Rückversicherung unserer FreundInnen und MitschülerInnen ist auf nervensystem-Ebene überlebenswichtig für uns als bindungsorientierte Wesen. Wenn unsere primären Bindungspersonen keine emotionale Kapazität für uns haben, sich nicht richtig um uns kümmern können und wir uns in unserer Individualität nicht entfalten können, dann kann das traumatisch sein. Wenn unsere Eltern uns nicht in unseren Bedürfnissen sehen, unzuverlässig sind, ihre Versprechen nicht halten, uns durch ihre Handlungen psychisch oder sogar physisch Gewalt antun, dann verlieren wir als kleine Wesen unser Urvertrauen in die Welt. Du siehst: Die Palette reicht von physischer Gewalt über Unzuverlässigkeit zu fehlendem Empfinden für unsere Bedürfnisse. Ich möchte dir damit einfach zeigen, dass ALLES was unser Gefühl von Sicherheit und Bindung gefährdet unser autonomes Nervensystem aktiviert und Überlebens-Stress in uns auslöst. Damit möchte ich nicht das Leben pathologisieren, sondern verdeutlichen, dass wir feinfühlige Wesen sind. 

Was bedeutet es, wenn YogalehrerInnen traumasensibel oder trauma-informiert sind?

Traumasensible YogalehrerInnen und Body WorkerInnen wissen genau das. Sie haben ein, zumindest grundlegendes Wissen, über das autonome Nervensystem und dessen Dynamik. Wer traumasensibel und trauma-informiert arbeitet kennt die Überlebens-Reaktionen unseres Nervensystems. Dieses Wissen ist eigentlich Wissen über den Menschen an sich. Jeder kann davon profitieren (Mehr dazu kannst du hier nachlesen)

traumasensible YogalehrerInnen und Body WorkerInnen wissen:

  • wie das autonome Nervensystem funktioniert
  • wie das autonome Nervensystem sich unter akutem Stress verhält (wenn es dysreguliert ist)
  • was es braucht, damit wir uns sicher fühlen (auch hier aus der Brille des autonomen Nervensystems) 

Traumasensible YogalehrerInnen und Body WorkerInnen modizifieren ihr Angebot. 

Diese Modifikationen resultieren aus dem Wissen über das autonome Nervensystem.

Beispiel #1 leistungsorientierter Yoga-Unterricht

Wenn das Nervensystem dysreguliert ist, dann kann es gut sein, dass wir uns zu leistungsorientierten Angeboten hingezogen fühlen. Warum? Wie wir leben uns was wir tun spiegelt den Zustand unseres Nervensystems wieder. Wenn wir im Kampf & Flucht sind ist da eine große Unruhe, Angst und womöglich ein getrieben sein. Wir wollen die Anspannung in uns um jeden Preis loswerden und schätzen das Gefühl von Erschöpfung nach einem anstrengenden Yogakurs. Aus neurobiologischer Sicht macht es auch sehr Sinn, Nervensystem-Energie sanft auszuagieren und abzubauen. Doch die Unruhe kommt meist wieder. Der Schlüssel liegt darin, ein Gefühl für unsere Grenzen zu etablieren. Denn in Kampf & Flucht haben wir kein Gefühl dafür und powern uns bis zum Burn Out aus. Anstatt die Überlebensreaktion „auspowern bis zum geht nicht mehr“ zu unterstützen, bemüht eine traumasensible Yoga Praxis sich um Balance. Wie können wir die Überlebensenergie sanft ausagieren UND Ruhe in den Körper bringen? Wie können wir mit der Unruhe, die in Stille Phasen zu Vorschein kommt, umgehen? 

Die traumasensible Yogapraxis wird uns niemals dazu auffordern, etwas durchzuhalten oder „durch den Schmerz durchzugehen“ weil sich dann etwas lösen könne. Wenn Trauma eine Rolle spielt, dann wurden die eigenen Grenzen überschritten. In der traumasensiblen Praxis können wir lernen, die eigenen Grenzen wieder zu spüren. Dazu gehört, dass wir entscheiden können, wann es genug ist. Wir wollen sogar lernen, genau das zu erkennen. Denn wenn wir uns stoisch mit traumatischem Stress konfrontieren, dann kann uns das eher destabilisieren oder sogar retraumatisieren. 

Sätze, die dich skeptisch machen dürfen:

  • „Wenn es richtig ungemütlich wird, dann bleibe erst recht in der Position.“ 
  • „Das ist nur dein Ego. Du bist mehr als dein Leid.“
  • „Manchmal müssen wir nochmal durch den Schmerz durch, damit sich alte Blockaden lösen.“ 

Beispiel #2 „Schließe deine Augen“

Wenn unsere Nervensystem im Alarm-Modus ist, dann ist es sehr kontraintuitiv die Augen zu schließen. Wenn unsere Alarmglocken an sind, dann suchen wir den Grund dafür immer im Außen. Wir sind bereit für Kampf & Flucht. Unser Herz schlägt schneller, unsere Gliedmaßen kribbeln, wir sind bereit für die Aktion. Auch wenn im Außen keine Gefahr herrscht: Auf Nervensystem-Ebene gleichen lange Stille-Phasen im Kampf & Flucht Modus dem Versuch mit geschlossenen Augen über eine stark befahrene Straße zu rennen. Es ist einfach entgegen unserer Natur, bei wahrgenommener Gefahr in die Kontemplation zu gehen.

Wenn wir die Augen schließen und nach Innen schauen, steigt zudem unsere Körperwahrnehmung. Das bedeutet, wir nehmen die Unruhe in uns noch stärker war. Das kann eine sehr unangenehme und entmutigende Erfahrung sein. Deswegen besteht eine traumasensible Modifikation darin, dass die Augen während des Yoga und der Meditation offen bleiben können.  

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du deine Yoga Praxis traumasensibel gestalten kannst bzw. worauf du als YogalehrerIn achten kannst, dann schau dir dieses YouTube Video an. Ich gehe hier darauf ein, wie sich eine traumasensible Yogastunde auszeichnet und wie du diese als SchülerIn erkennst.

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